Wichtige Ausstellungen Wichtige Ausstellungen

Übersicht und Einführungen
                              
- Joachim Polnauer: Zwischen Himmel und Erde
                               - Irmgard Bernrieder - "...eins zu werden mit allen Existenzen"
                               - Auf den 2. Blick
                                 Rede zur Finissage am 04.11.2018 — Dr. Christine Vogt, Städt Galerie Herne

1989 Kreative Keramik und Bilder zur Stille: Mühlheim/Ruhr
1991 Figuren und Masken: Duisburg FBS Wiebernplatz
1993 Arbeiten aus Stein, Ton, Bronze und auf Papier: Galerie Schloß Lembeck, Dorsten
1994 Glashaus und Garagengalerie: Recklinghausen
1995 Formen und Figuren: Münster, Priesterseminar
1998 Figuren und Fundstücke: Ruhruniversität Bochum
Mittelpunkt Mensch: Orangerie Barockgarten Kloster Kamp
1999 Offenes Atelier: Kunst Kate Kerken
Gewölbt: Strenninger Hof, Wien
2000 Lebens-Kreuz: Installation in der Gastkirche Recklinghausen
Steinskulpturen-Experimentelle Grafik: Galerie am Rex Obersdorf
Stein Male (mit Gerd Mevissen): Kulturhalle Neukirchen-Vluyn
2001 Indische Impressionen: Kunst Kate Kerken
Farben und Formen I: Telefonseelsorge Recklinghausen
2002 Farben und Formen II: Elisabeth-Krankenhaus Recklinghausen-Süd
Andere Ansichten:
Skulpturen und Grafik im Baumberger Sandsteinmuseum Havixbeck
2003 Zwischen Himmel und Erde 1:
Zentrale Ehe-, Familien- und Lebensberatung Münster
In den Farben des Abends: Kunst Kate Kerken
Zwischen Himmel und Erde II:
Galerie im Drübbelken, Recklinghausen
2004 Gottes Acker und Schwarzwaldschindeln: Lesegalerie Königsfeld (Schwarzwald)
Ständige Ausstellung Atrium-Galerie Praxis Dr. Spilker Köln
Bilder und Skulpturen (mit Reinold Knümann) Landvolkhochschule Freckenhorst
Kunst-Hafen Dortmund (Bochumer Künstlerbund)
2005 Lebens-Kreuz und Lebens-Lust: Museum für Niederrheinische Sakralkunst Kempen
Phantasie- und Fabelwesen: Kunst Kate Kerken
  Zahlreiche Ausstellungsbeteiligungen, Teilnahme an Projekten und Symposien,
Arbeiten in öffentlichem und privatem Besitz. (In- und Ausland)
  Kunst Kate Kerken: Phantasie- und Fabelwesen
2006 Ev. Akademie Recklinghausen: Von Herzenslust und Liebesleid
2007 Lebens-Schichten: Baumberger Sandsteinmuseum Havixbeck
2009 Doppelausstellung Praxisjubiläen Reckllinghausen und Herten

Zwischen Erde und Himmel, Strukturen in Druckgraphik und Skulptur:
Orangerie Barockgarten Kloster Kamp

2010 „Local heroes" Kulturhauptstadt, Festspielhaus Recklinghausen

„Starke Orte" in der „Praxis-Galerie" Recklinghausen

„Steinskulpturen und Bronze auf der Gänsewiese": Kerken

2012 Gefunden, gedruckt, behauen und bemalt:
Skulpturen aus Stein, Bronze und farbige Druckgraphik
Kerken-Nieukerk, Haus Lawaczek
2013 Zu Gast im Atelier Artemis, Recklinghausen
2015 Superlogion - Assoziationsanreize, Buchhandlung Musial Recklinghausen
2015/16 Geheimnis-Ahnung-Phantasie: Willy-Brandt-Haus Recklinghausen
21.05.2017 - 02.07.2017 Wunderliche Welten, Städtisches Museum Kalkar
20.04.2018 VHS Recklinghausen, Am Willi-Brandt-Park, 19.00 Uhr, Lesung: Heinrich Maas, Wolfgang Liß-Granderath, Moderation: Jürgen Pohl,
Saxophon improvisiert (Gelsenkirchen-Buer), es werden zehn Bilder aus dem Buch von Heinrich Maas "lebensnah liebevoll lebendig,
Texte und Bilder eines Niederrheiners" gezeigt.
14.09.2018 -
04.11.2018
Ausstellung: städtische Galerie Herne, Eröffnung 14. September 2018, 19.00 Uhr, Finisage 4. November 2018, 15.00 Uhr.

Öffnungszeiten der städtischen Galerie Herne:
Dienstag - Freitag: 10.00 bis 13.00 Uhr und 14.00 bis 17.00 Uhr,
Samstag: 14.00 bis 17.00 Uhr, Sonntag: 11.00 bis 17.00 Uhr, montags geschlossen


Joachim Polnauer: Zwischen Himmel und Erde
Heinrich Maas, Psychotherapeut und Künstler, zeigt im September 2002 in der Galerie
im Drübbelken experimentelle Farbgraphiken, die in neuester Zeit entstanden sind.
„Zwischen Himmel und Erde" ist das Thema der Arbeiten, die sich inhaltlich am Yoga
und am fernöstlichen Denken orientieren. Wenn der Betrachter sich mit diesen Bildern
beschäftigt, wird er die tiefe Spiritualität in den Werken entdecken. Manchmal sind es
Orte, wie Landschaften oder Kirchen, Symbole, wie Totenköpfe oder Strichmännchen,
die Zeichen der Verbindung von Himmel und Erde in unserer Umwelt sind. Es sind die
Menschen und ihre Gefühle, die im Mittelpunkt stehen. Menschen, die suchen ... und
versuchen ins Gleichgewicht zu kommen.

Die Bilder schildern ihre inneren Prozesse
Du führst mich nach innen,
geheimnisvolles Universum im Zentrum,
Stätte der Sehnsucht,
Trauer, Hoffnung, bewegte Ruhe -
Leben pulst, weitet die Kreise,
öffnet nach außen,
Formen und Farben füllen den Raum.
Du ziehst mich nach innen,
Du sendest mich aus.
Du bist die Mitte, Leben in Fülle.

Heinrich Maas entwickelt in seinen Druckgraphiken, die Unikate sind, eine äußerst
abwechslungsreiche Mischtechnik, wo Zink- und Kupferplatten, Verpackungspappe,
Jute mit den unterschiedlichsten Farben eine Komposition eingehen.

Dschan-dschon fragte seinen Lehrer Nan-tjüan: "Was ist der wahre Weg?" Nan-tjüan
erwiderte: "Der alltägliche Weg ist der wahre Weg." Wiederum fragte Dschan-dschon:
„Kann man den Weg erlernen?" Nan-tyüan sagte: "Je mehr du lernst, desto weiter
kommst du vom Weg ab." Daraufhin fragte Dschan-dschon: "Wenn man dem Weg
nicht durch Lernen näherkommen kann, wie kann man ihn erkennen?"
Nan-tjüan sprach: "Der Weg ist kein sichtbares Ding, er ist auch kein unsichtbares
Ding. Suche ihn nicht, lerne ihn nicht, nenne ihn nicht! Sei weit und offen wie der
Himmel, und du bist auf dem Weg! Er ist nichts Erkennbares und auch nichts
Unerkennbares."

Heinrich Maas ist auf dem Weg, seine Steinskulpturen und seine Graphiken, die heute
hier zu sehen sind, sind der künstlerische Beweis.

Einst wurde Meister Nan-tjüan nach dem Sinn des Satzes: "Himmel und Erde haben
den gleichen Ursprung wie ich; alle Dinge haben das selbe Wesen wie ich" gefragt.
Einen Augenblick blieb der Meister stumm, dann wies er auf eine blühende Chry-
santhemenstaude im Garten und sagte nur: "Wer heute lebt, sieht diese Blume wie
im Traum!"

Zwischen Himmel und Erde befinden wir uns, Spiritualität, Phantasie und Kreativität
schlummern oft unter der Oberfläche, die Bilder sind Medium, sie zu wecken. Ein Mönch
bat: "Meister, ich bin noch ein Neuling im Zen. Zeigt mir den Weg"! Dschan-dschon fragte
ihn: "Hast du gefrühstückt?" "Ja!" „Dann geh und wisch die Eßschale aus"
(oder betrachte die Bilder und schließe die Augen).

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Irmgard Bernrieder - "...eins zu werden mit allen Existenzen"

Heinrich Maas in der Paterskirche Kempen
Einführung in die Ausstellung 10.7.2005

"...eins zu werden mit allen Existenzen"

"Den Weg zu studieren, heißt
sich selbst zu studieren,
sich selbst zu studieren, heißt sich selbst zu vergessen,
sich selbst zu vergessen, bedeutet
eins zu werden mit allen Existenzen..."

Dieses Zitat des Zenmeisters Dogen führt uns mitten in diese Ausstellung, in der
Heinrich Maas eine Auswahl seiner Steine und Grafik zeigt. Sie gewährt uns Ein-
blick in den spirituellen Raum eines künstlerischen Schaffens, das mit dem Ge-
betsraum der Paterskirche aufs Schönste korrespondiert: Seine Arbeiten stehen
bereit für jeden, der sich in Kunst versenken möchte. Seine Skulpturen und ex-
perimentellen Drucke gleichsam als Medium persönlicher Meditation. Was ist das
Gebet anderes? Dem Psychotherapeuten Maas ist das Flow-Erlebnis ein Begriff,
der Theologe Maas weiß um die Mystik, die alle religiösen und philosophischen
Grenzen übersteigt. Der autodidaktische Künstler Maas schließlich schöpft aus
diesen Quellen um seines inneren Friedens willen, des Einklangs von Körper,
Geist und Seele, und er lädt uns ein, uns daran zu bereichern.

Was sehen wir? Tuff, Granit, Dolomit, Sandstein, meist Bruchstücke, Fundstücke
aus Steinbrüchen, Fragmente, die in ihrer Rohheit auf unsere Erdgeschichte hin-
weisen, die menschliches Zeitmaß überschreitet. Unser Auge folgt den Strukturen
und Oberflächen der Findlinge und bewundert darin die Herrlichkeit der Schöpfung.
Doch hat Maas diese Fragmente in eine neue Ordnung, seine Ordnung gebracht und
ihnen eine neue Gestalt gegeben. Einmal fügt er sie so zusammen, dass ein Kreuz
entsteht. Christliches Symbol der Erlösung, dem Himmel so nah wie der Erde. Das
Kreuz, das jeder von uns zu tragen hat, auch ein Symbol für das Leid, das zum
Menschenleben gehört wie die Lust.

Dann wieder folgt der Seelenforscher dem "Gesicht", der Aura eines Steins und ver-
sucht mit seinem Werkzeug sichtbar zu machen, was in ihm verborgen ist. Behutsam
und voller Respekt vor den Prozessen der Natur schält er Konturen heraus, folgt den
uralten Lebenslinien des Steins. Er schält abstrakte Formen heraus, deutet Figür-
liches an oder hilft - in jüngster Zeit immer häufiger - behutsam mit wenigen far-

bigen Strichen nach. Dabei biedern sich konkrete Hinweise nicht an, vielmehr be-
tonen sie den Moment des Fremdseins. Jeder Stein hat viele Seiten und Gesichter;
er trägt auch groteske Züge und lässt Assoziationen zu rätselhaften alten Natur-
geistern zu: "Liegt ein Lied in allen Dingen, und die Welt hebt an zu singen, triffst
du nur das Zauberwort ..."

Während der Bildhauer Maas hier gleichsam als Hohepriester der Natur antwortet und
ihr immanente Formen zum Vorschein bringt, indem er etwas vom Stein wegnimmt,
braut er in seinem grafischen Laboratorium einem Magier gleich unterschiedliche
Materialien zusammen. Pappe und Bleipapier werden zu Druckplatten, Gewebe und
Verpackungen in Farbe getaucht, um ihre Spuren auf dem Papier zu hinterlassen. In
dem deren Struktur sichtbar wird, löst sich deren Stofflichkeit auf. "Sublimierung
des Banalen" nennt die Künstlerin Barbara Grosse in einer Würdigung ihres Kollegen
diesen Vorgang.

Scheiben und Schablonen markieren, im Raum schwebend, den Übergang zu den Drucken
von Heinrich Maas, nehmen doch Kreisformen im Kanon des Künstlers eine zentrale
Position ein. Nicht als geometrische sondern symbolische Elemente. Vom guten alten
Mondgesicht bis zum tantrischen Lebenskreis. Andererseits legt der Künstler in seinen
Monotypien häufig zwei Motive übereinander, deren jeweils eigene Konturen in der
Gesamtkomposition sichtbar bleiben. Nicht selten überlagern oder durchdringen sich
exakte geometrische mit unregelmäßigen Formen. Der Abdruck von Textilstücken über-
lappt scharfe Kanten, Pflanzenfaser-Gitter weisen von der Zwei- in die Dreidimensio-,
nalität versteinerte Flechten umrahmen Strichzeichnungen, die an archaische Felsen-
bilder erinnern. Angedeutete Ornamente vom anderen Ende der Welt und warme Farben
wirken seltsam vertraut. Maas scheint auf den Zufall zu setzen, selbst begierig auf das
noch nie Gesehene und das darin aufscheinende Numen (göttliche Wesen).

Die Vielschichtigkeit der experimentellen grafischen Blätter sensibilisieren den Be-
trachter und lehren ihn Achtsamkeit. Diesen Nachhall verstärken die überwiegend
literarischen Zitate, die Heinrich Maas seinen Werken zugesellt. Lassen Sie mich
mit einem Zitat enden. Willi Baumeister schrieb in
   "Das Unbekannte in der Kunst" (1943/46):
   "Der originale Künstler verlässt das Bekannte und das Können."
Versuchen wir als Betrachter, ihm auf diesem Weg zu folgen.

Irmgard Bernrieder Kulturredakteurin

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Auf den 2. Blick
Rede zur Finissage am 04.11.2018 — Dr. Christine Vogt, Städt Galerie Herne

Ich freue mich sehr, dass ich heute eine kleine Ansprache halten kann, zu dieser, wie
auch ich finde, sehr schönen Ausstellung.

„Auf den zweiten Blick" ist das Thema und der Titel für diese Ausstellung und wenn
Sie gerade hereinkommen, sehen Sie auch gleich, dass Sie mit einem Blick hier oben
begrüßt werden, und wenn Sie sich dann auf meine Seite bewegen sehen Sie, dass der
zweite Blick von der Rückseite ein anderer ist, und das ist vielleicht das Thema und
das Motto der Ausstellung.

Da ist das Schauen, das positive Draufschauen, aber vielleicht auch manchmal das nicht
ganz so Positive, das Zurückgenommene, das da eben eine große Rolle spielt. Es ist aber,
auch wenn man hier zunächst mal von solchen hängenden Steinen begrüßt wird, eigent-
lich eine Grafikausstellung.
Es gibt Skulpturen und es gibt Stelen und es gibt sogar ganz neue Glasarbeiten, was
sozusagen ein Novum im Leben und Werken des Heinrich Maas ist, aber der Grafiker,
der Druckgrafiker, wenn ich das mal so spezifizieren darf, ist doch derjenige, der den
Kern bildet, und was den Kern dieser Ausstellung ausmacht.

Wenn sie jetzt schon herumgegangen sind, oder wenn sie sowieso Arbeiten von Heinrich
Maas kennen, fällt ja immer auf, man hat also ganz deutlich eine Drucktechnik, man
kann sehen, das ist ganz häufig Tiefdruck, das sieht man ja am Plattenrand, aber es steht
immer drauf „Unikat". Nur das Merkwürdige ist ja eigentlich, dass die Druckgrafik ein
vervielfältigendes Medium ist, wo es um ars multiplicator geht, also darum viele
Abzüge zu haben.

Das ist schon mal das Erste was ad absurdum geführt wird, wo nämlich ein Einzelstück,
also eine Arbeit, die nur einmal da ist, hergestellt wird und das eben mit besonderer
Technik und mit besonderen Finessen, die wir durch den zweiten Blick, und ich glaube,
da ist das Motto wirklich programmatisch, uns ersehen müssen. Es ist eine Sehaus-
stellung mit Sehstücken, wo man wirklich reingucken muss und auch viele Dinge erst
entdeckt, wenn man sich tatsächlich länger damit beschäftigt und auseinandersetzt.

Es gibt ein paar Stücke, die erzählen uns und sagen uns ganz klar, was sie sind. Eins
steht z. B. hier vorne, wo drauf steht, ich lese es jetzt nochmal vor: „Kreuz und Auf-
erstehung, spreng die Felsen, Glaube, Liebe, Hoffnung" und wir sehen auch den Felsen
der gesprengt wird und das Kreuz dazwischen.
Da kommt natürlich der studierte Theologe in ihm durch und zeigt das mit an. Also hier
werden wir konkret geleitet. Es gibt auch oben Arbeiten. Wer sich gut mit den romani-
schen Kapitellen der Drüggelter Kapelle auskennt, kann die z. B. wiedererkennen.
Etwas leichter für uns kunsthistorisch gebildete Leute sind vielleicht die Gesichter
von Jawlensky, die in einer Arbeit mit durchkommen.

Es gibt auch manchmal Untertitel, die uns leiten, was das Bild zeigt, z. B. die indischen
Impressionen oben, da sieht man ein Kamel drauf, also da kann man schon mal etwas
konkret erahnen oder erkennen. Das ist aber eigentlich das, was seltener vorkommt und
was die Ausnahme ist. Die meisten Arbeiten sind eher rätselhaft, sind eher zu entdecken,
sind eher Arbeiten, durch die man sich durchschauen muss und die eben den zweiten
Blick brauchten und eine ganze Reihe kleine Geheimnisse bergen.

Das eine, was ich persönlich sehr interessant finde, ist natürlich das Technische, die
technische Umsetzung, die hier gegeben ist.

Heinrich Maas arbeitet mit vielen vorgefundenen Objekten, wir nennen das in der Kunst-
geschichte immer die „Object truve", also die gefundenen Stücke, die da sind, die einem
im Alltag begegnen. Und, obwohl wir hier ja einen echten Niederrheiner vor uns haben
mit einem starken Bezug zur Natur, sind es aber doch ganz häufig Industriematerialien,
die eingedruckt werden.

Und wenn sie nachher nochmal so rumgehen, werden sie eine ganze Reihe von Struktu-
ren finden und ich habe vor neun Jahren, das ist jetzt noch nicht das 10jährige Jubiläum,
aber vor neun Jahren schon mal eine Ausstellung eröffnet für ihn und die hatte den Titel
„Strukturen" und das finde ich auch immer noch sehr, sehr passend zu den Arbeiten.

Wir finden in den Arbeiten also Strukturen, die ihnen bekannt vorkommen, die ihnen
fremd vorkommen, die natürlich auch die Struktur selber strukturiert als Bild, das kommt
natürlich auch vor, und Sie werden, wenn Sie mal genauer hinschauen, auf einmal denken,
das kommt mir aber doch irgendwie bekannt vor. Das hab ich aber doch irgendwo schon
mal gesehen und erkenne sodann, dass es Industrieprodukte sind, die wir aus dem Alltag
kennen und die mit reingebracht werden.

Dort wo so eine Art von Recycling stattfindet, nämlich dass auf einmal Kekskartons mit
eingedruckt werden, Kartonagen, die wir aus der Verpackungsindustrie kennen und wo
also Dinge aus dem Alltag, die wir sonst ganz anders benutzen und ganz anders um uns
herum sehen, in diese Arbeiten einfließen und ihre Strukturen in diese Arbeiten bringen.
Und also eine große Aufgabe für uns als Betrachter und Betrachterinnen, in diese Arbei-
ten mit dem zweiten Blick hineinzusehen und tatsächlich auch entziffern zu wollen.

Wir neigen ja immer dazu, dass wir gerne wissen wollen, was es ist, und wir neigen auch
dazu, in jeder Struktur auch immer ein Gesicht zu sehen oder sonst irgendetwas, das
können Sie auch hier häufig finden.
Das man so ein Gefühl von Vexierbild hat, wo das mal auftaucht oder auch wieder ver-
schwindet. Aber wo wir auch analysieren wollen, was darin ist, was man mit diesen
Stukturen und den vorgefundenen Materialien gut sieht. Es sind immer Collagen, es
sind immer Drucke, die sich aus verschiedenen Dingen zusammensetzen, die nie
sozusagen eine Platte abbilden, wie man das sonst vielleicht in der Druckgrafik hat.
Sondern immer, wo Elemente zueinander gesetzt werden, zueinander kommen und
wo dann häufig im Nachhinein, wenn der Druckprozess auch schon abgeschlossen ist,
nochmal überarbeitet wird, nochmal reingearbeitet wird und tatsächlich eine Zeit
und eine Dauer; die Zeitigkeit spielt da auf jeden Fall eine große Rolle, um so ein
Werk zu vollenden und tatsächlich auch herzustellen.

Wenn man jetzt hier durch diese Ausstellung geht, sieht man verschiedene Datierungen,
die darauf stehen und sie finden z. B. oben Arbeiten, wo Datierungen aus den 90er Jahren
stehen und aktuelle. Das ist jetzt nicht so, das Heinrich Maas daran jahrzehntelang
gearbeitet hat, sondern es ist mehr so, es finden sich nochmal Werke auf, die sich im
Nachhinein verändern, wir verändern uns ja alle auch ständig durch Dinge, die uns im

Leben passieren, durch Sachen, die von äußeren oder inneren Einflüssen her kommen. Er ist ja auch Psychologe, wie die meisten hier wissen.
Auch da spielt es natürlich eine große Rolle, das Nachdenken und das Reflektieren, auch über die eigene Psyche, und das Wiederaufnehmen von alten Arbeiten oder von Dingen, die schon da sind. Und nochmal eine Aktualisierung und eine Überarbeitung, auch das finde ich sehr faszinierend, also dass man das oben sehr schön sehen kann.

Und dass eben diese Zeitigkeit im Verarbeitungsprozess und dann aber auch wieder im konkreten Hineingehen einfach ganz klar mit da ist. Was natürlich auch eine große Rolle spielt bei diesen farbigen Arbeiten, das muss man ja auch mal ganz klar sagen, Druckgrafik, wenn man die klassische Radierung oder den Kupferstich sieht, ist ja eigentlich schwarz-weiß.
Das hier aber sind Arbeiten, wo die Farbe eine große Rolle spielt. Es sind häufig Farbklänge, monochrome Farbräume, wie wir das kunsthistorisch schon mal gerne nennen, die gesetzt werden, wo es einen Farbtyp gibt, wo rot-gelb Töne, die wir zu den warmen Farben zählen oder blau-grün Töne, die wir zu den kalten Farben zählen, eher zusammen kommen.

Es gibt aber auch immer wieder, wie man das z. B. auch wieder hier sieht, solche Kombinationen aus diesem Grundfarbkanonstamm, die dann variiert werden und die natürlich einen besonderen Eindruck machen und auf unsere Psyche nochmals einwirken.

Weil das eine ist ja konkret zu erkennen, okay ich hab jetzt das und das vor mir, oder zu analysieren, das und das ist jetzt reingedruckt und etwas anderes ist es ja, tatsächlich auch mit dem Herzen und mit dem Inneren sich solche Werke anzugucken.

Und ich finde schon, dass viele Arbeiten dabei sind, die man als kontemplative Arbeiten sehen kann, wo man tatsächlich auch einen Prozess des Hineingehens und des sich Versenkens und des vielleicht „zur Ruhe kommen" sehen kann, dass man da über diese Farbgebung ganz, ganz gut und ganz tief einsteigen kann.
Diese Vorliebe für Collagen und das Zusammenbringen ganz unterschiedlicher und eigentlich unpassender Materialien, denn was hat so ein Verpackungskarton, den man heute in der Vermüllung der Meere findet, was hat der auf einer Druckplatte zu suchen?

Diese Collagen und dieses Zusammenbringen unterschiedlicher Materialien zeigt sich auch in seinen Skulpturen. Wenn sie nachher nochmal durchgehen und sich das auch schon angeschaut haben, sehen sie natürlich noch Steine, es ist ja auch das Herausnehmen aus der Natur, die Naturverbundenheit. Ich habe übrigens ein paarmal gesagt, dass dieser Ort hier ein besonders schöner Ort ist. Denn dieser Bezug zu dem Park und immer wieder dieses Reinschauen in die Bäume, das ist was, wo die Arbeiten wirklich nochmal ein großes Leben mitkriegen und einen wunderbaren Bezug haben. Das gilt eben auch für die Skulpturen, für die Steine, die da sind, die ja häufig auch aus zwei oder drei Stücken zusammengesetzt sind.

Und wenn man dann mal richtig hinschaut, dann sieht man an vielen Stellen, dass ein Teil Stein ist und der andere Teil auch wie Stein anmutet oder man das irgendwie meint auf den ersten Blick.

Aber der zweite Blick ist ja gefragt, wo man dann sieht, dass es auf einmal Bronze ist. Und Bronze ist ja eigentlich in der Skulptur das klassische Material des Aufwertens der traditionellen Skulptur, des Gusses natürlich, ein edles Material was schon von der Materialität her Wertigkeit mit hineinbringt und was hier mit den Bruchsteinen auch zum Teil und mit den Steinmaterialien in Verbindung gesetzt wird und so zu einer Irritation führt, da man tatsächlich den zweiten Blick hierfür braucht.

Es ist eine große Vielfalt hier zusammengetragen worden, und es ist ja auch eine große Ausstellung, muss man ja sagen, hier über diese zwei Etagen, die in diesen Räumen wunderbar zur Geltung kommen, auch ganz unterschiedlich gehängt.

Was mir sehr gut gefallen hat, wo man einerseits die klassische Glasrahmung hat, was ja auch immer so einen Abstand zum Werk macht, wo man hier und drüben einfach auch mit sogenannten Architektenklammern die Dinge an die Wand gehängt hat.
Es ist ja ein bisschen so was, was man bei der Druckgrafik auch braucht, diesen Trocknungsprozess, wo man die Bilder auch schon mal gerne an so Leinen hängt, damit die Farbe überhaupt trocknen kann, also auch das finde ich sehr ursprünglich und man ist sehr nah am Objekt und an dem Druck mit dran.

Und ich finde, was diese Distanz ganz schön aufhebt: Es gibt dann auch immer eine Reihe von Themen, Tod und auch Trauriges, es tauchen immer wieder Totenköpfe auf. Es ist etwas, was schon mitschwingt und was auch in der Arbeit die ich gerade hier vorne zitiert habe, auch mit da ist.

Immer wieder auch der Moment dessen, dass es eben weitergeht. Oben ist auch ein Domin-Zitat: „Ihr glaubt nicht an die Auferstehung oder die die mutig sind glauben nicht an die Auferstehung, aber ich bin feige", also so in dem Sinne, wo man eben sieht, der Glaube bringt auch noch etwas weiter, also auch der Theologe kommt da mit durch, aber auch die Hoffnung, dass was weitergeht.

Ich persönlich finde aber auch, dass an verschiedenen Stellen auch mit den Strukturen, mit den Gesichtern, doch häufig wieder eine menschliche Figur mit versteckt oder verwoben ist, kommt auch an vielen Stellen das Humorvolle des Heinrich Maas mit hinein.
Und dann doch wieder kleine Dinge, es ist vielleicht nicht das laute Lachen, was einen hier ergreift, aber doch so Dinge, wo man nochmal ins Schmunzeln kommt oder nochmal so ein Augenkneifen hat.

Mir persönlich hat besonders gut gefallen von Arthur Miller, der hier oben im Treppenhaus hängt, wo es dann heißt: „Ohne Fehler sind wir Nullen", und ich finde so genau ist das auch, das erkennt man meistens erst auf den zweiten Blick, wenn man ganz genau hinschaut.
So gesehen höre ich jetzt auf zu reden, wir hören noch ein bisschen Musik, dann können wir uns noch weiter mental darauf einstellen und ich lege Ihnen wirklich sehr, sehr ans Herz, auch den zweiten Blick auf die Blätter und die Werke zu wagen und ich bin mir sehr sicher, dass Sie auch noch einiges sehen werden, was Sie eben bei dem ersten Rundgang noch nicht gesehen haben.

Ich möchte ganz, ganz herzlich zu dieser sehr schönen Ausstellung gratulieren.

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